Interviews

 

 

Telefoninterview mit Steen Lorenzen Radio Eins Berlin am 16.05.13

 

Ganz alltägliche Sachen

 

Radio Eins: Kreuzberg war Mal sein zu Hause. Sascha Nikolic ist weggentrifiziert worden, wie er das selbst nennt. Nach Berlin Mitte. Vielleicht kann er aber auch nicht sesshaft werden. Künstlerisch treibt es ihn jedenfalls um: Klassisch ausgebildeter Traumtenor, vielseitiger Musiker, diverse Engagements im Musical- und Opernbetrieb, Schauspieler und schließlich auch Sänger seiner eigenen Songs. Die kann man auf seinem Album Melodie Maximal hören. Sie sind eine wilde Mischung aus Klassik, Country, Balkan, Pop und einer guten Portion Humor. Und jetzt ist Sascha Nikolic unser Lokalmatador. Guten Tag Sascha!

 

Sascha Nikolic: Hallo!

 

R1: Deine Liebe zu Kreuzberg hast du in der eben gespielten „Kreuzberg Hymne“ angedeutet. Deinen Wohnsitz hast du aber wechseln müssen. Wie häufig ist das in deinem Leben schon passiert?

 

SN: Wenn man freier Sänger oder Schauspieler ist und nicht fest an einem Haus engagiert, dann ist das normal. Kann also mehrfach im Jahr passieren. Weil es berufsbedingt so ist, dass man ohnehin nicht lange an einem Ort fest bleibt, ist es letztlich egal, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat. Deshalb ist mein Hauptwohnsitz in Berlin. Im Übrigen kein seltenes Phänomän, dass Leute aus der darstellenden Kunst in Berlin beheimatet sind und auf „Montage“ gehen.

 

R1: Wichtiger ist vielleicht wo du ursprünglich herkommst, nämlich aus Montenegro. Man hört ja auch die Balkanbeats- und sounds, die sich durch dein Album ziehen. Ich glaube aber, dass die noch nie auf diese Weise mit Momenten aus Country oder Schlager gemischt wurden, zumal du ja auch mit dieser vibrierenden, tollen Stimme singst. Wie ist die Idee zu dieser Mischung entstanden?

 

SN: Ich war eine zeitlang in Belgrad und Istanbul unterwegs und mir fiel auf, dass dort sehr ähnliche Musik läuft nur die Sprache des Gesangs unterschiedlich ist. Das Serbische verstehe ich. In den Texten ging es um ganz alltägliche Sachen. Ich habe also versucht, ob es auch auf deutsch geht und es hat geklappt.

 

R1: Ganz alltägliche Sachen sagst du. In den Texten geht es um Beziehungen, die nicht zustande kommen sollen oder wollen. Das hast du sehr humorvoll aufgearbeitet, da geht es zum Beispiel um ein Treffen im Chatroom und es heist in einer Zeile: „ach, du bist Politesse, mach die keine Sorgen. Ich hab immernoch an dir Interesse“. Oder es geht um eine Anmache einer Chefin, die pariert wird mit: „was kann ich denn dafür, dass ich nicht ficken will mit dir“. Unter dieser humorigen Oberfläche vermute ich was tief Melancholisches. Richtig?

 

SN: Hm, ja weiß nicht. Melancholisch schon, tief melancholisch eher nicht. Sagen wir`s mal so. Die besten Komödianten sind im richtigen Leben oftmals sehr ernste Leute. Bei diesem Album steht das Humorige im Vordergrund.

 

R1: Traurig fand ich die Geschichte von Bud Spencer. Da geht es um eine einsame Kindheit und Bud Spencer als eine Art Ersatzvater im Fernsehen. Das hat aber nichts mit deiner Kindheit zu tun, oder?

 

SN: Das hat nicht unbedingt etwas mit meiner Kindheit zu tun, obwohl ich mich da gut hineinfühlen kann. Diese ernste Geschichte funktioniert unter der erwähnten humorigen Oberfläche und dem Soundgewand des Spaghetti-Western. Es hat also nicht Eins zu Eins etwas mit meiner Kindheit zu tun.

 

R1: Wie Eins zu Eins ist den die Übernahme von Funny van Dannens Klassiker „Nana Mouskouri“?

 

SN: Ein Cover sollte ja nie Eins zu Eins sein... Das ist ganz seltsam. Ich habe das Gefühl, dass er mir, obwohl wir uns nicht kennen, den Song auf den Leib geschrieben hat... Weil ich ziemlich viel Arbeit in das Arrangement investiert habe, wollte ich sichergehen, dass es urheberrechtlich keine Probleme geben wird und hab ihn gefragt, ob es o.k. ist, wie ich es mache und er gab mir die freundliche Genehmigung. Das schöne an dem Text ist, dass er sich mit der versteckten Liebe zum klassischen Schlager a la Nana Mouskouri befasst. Schlager ist ja heute wie ein Schimpfwort, weil man sofort an Ballermann denkt. Ich denke aber an Namen wie Friedrich Holländer zum Beispiel. Ich denke, jeder hat ein paar alte Schlager die er mag, sich aber im hippen Umfeld nicht traut, das zuzugeben. Nur wenn man was getrunken hat, dann singt man mit. Funny van Dannen beschreibt das sehr schön und das greife ich auf.

 

R1: Der Schlager mit Niveau, der einen Kanal öffnen kann. Ich finde wir kehren am Ende des Interviews zurück nach Kreuzberg. Heute ist ja ein Tag, den man getrost im Görli verbringen kann und wenn man nicht Vegetarier ist, dann holt man sich vorher oder nachher einen Broiler beim legendären Hähnchengrill. Hast du deinen Song da schon vorgestellt?

 

SN: Ne hab ich nicht. Da muss man ja immer ewig warten. Da bin ich froh, wenn ich meine Bestellung aufgeben darf.

 

R1: Ich wünsche dir noch viel Erfolg mit deinem Projekt Melodie Maximal.

 

SN: Danke schön.

 

R1: Und wir hören jetzt „Beim Hähnchengrill“. Guten Appetit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Atomverseuchte Südseeinsel

 

Interview mit Radio Multicult morgen: magazin 18.04.13

 

Multicult: Guten Morgen Sascha. Magst du dich kurz vorstellen?

 

Sascha Nikolic: Guten Morgen. Ich bin Sascha Nikolic, Opernsänger und ich mache vorwiegend klassische Musik. Davon lebe ich. Ich habe in vielen Theaterproduktionen mitgewirkt. Nebenbei habe ich aber immer auch meine eigenen Lieder komponiert, bin damit in kleineren Rahmen wie zum Beispiel der „Scheinbar“ in Berlin aufgetreten. Die Reaktionen des Publikums waren so, dass ich ermutigt wurde, das fortzusetzen, so dass es zum jetzigen Etappenziel, der Veröffentlichung meiner Solo CD „Melodie Maximal“, kam.

 

MC: Du hast eine richtig klassische Ausbildung?

 

SN: Ja, an der HfM Dresden. Habe aber auch privaten Unterricht genommen, tu ich auch heute noch. Aber ich gebe auch Gesangsunterricht. Man ist als Sänger eigentlich nie „ausgebildet“ man muss immer weiter am Ball bleiben.

 

MC: Ist dir die E-Musik zu langweilig geworden oder warum musst du dich ausweiten in andere Sphären?

 

SN: Prinzipiell befremdet mich die Kategorisierung E oder U. Ich orientiere mich da an Frank Zappa oder Luciano Pavarotti, die sich damit nicht aufhielten, sondern einfach ihre Musik machten, die gleichermaßen Qualitäts- und Unterhaltungsansprüchen gerecht wurde. Die gingen damit unbefangen um. Niemand hatte damit ein Problem. Das Problem ist konstruiert. Ich schere mich da gar nicht drum.

 

MC: E und U mit Comedy. Deine Texte bringen einen ziemlich zum Schmunzeln. Wie kommst du da drauf?

 

SN: Ich bin wohl ein komödiantischer Typ aber weit entfernt, ein Stand-Up-Comedian zu sein. Da hab ich großen Respekt vor, das kann ich gar nicht. Ich verarbeite Pointen in meiner Musik, die mir als Abstraktionsfeld hilft. Mein Prinzip ist, dass ich mir ein Niveau erarbeite, von dem ich mich herablassen kann. Aber das Niveau muss erstmal erklommen werden. So kam es zur Nasenhaarbanera. Das funktioniert nur, wenn man den Bizet veritabel gesungen bekommt.

 

MC: Du bringst Lieder wie „Beim Hähnchengrill am Görlitzer Park“. Wirst du von denen supportet?

 

SN: Leider nicht! Die kennen den Song wahrscheinlich gar nicht. Aber ich hätte das ein oder andere Hähnchen mit Pommes und Salat, scharfe Sauce, Knoblauchsauce extra Knoblauch verdient... Im Prinzip ist das Stück ein klassisches Volkslied. Im Musikantenstadl besingen sie Berge, Täler, den Sepp und die Weißwurscht. Wo ich lebe, gibt es halt, Hochbahnschienen, Drogendealer, Özgür und den Hähnchengrill gegenüber der Shell Tankstelle.

 

MC: Du besingst Kreuzberg. Da ist z.B. von der Ankerklause die Rede... Wohnst du in Kreuzberg?

 

SN: Leider nicht mehr, man hat mich weggentrifiziert. Ich wohne jetzt in Mitte. Aber auch wenn ich in Amerika wohnen sollte, bleibe ich "Die goldene Stimme aus Kreuzberg".

 

MC: Gut. Du kommst aber ursprünglich nicht aus Kreuzberg, sondern...

 

SN: ... aus Montenegro. Ich bin also von der Hardware ein Balkanboy, aber hier aufgewachsen. Ich war eine zeitlang viel in Belgrad und Istanbul unterwegs. Daher kam auch die Inspiration zu meinem Sound. Damals bin ich immer im weißen Anzug aufgetreten und hab die Balkannummer konsequent durchgezogen. Jedoch war mir das zu eng gefasst. Testosteron muss nicht in jedes Lied gepackt werden. Der Balkanbeat ist eine wichtige Säule meines Programms aber eben nicht alles, so dass ich mich auch Einflüssen aus der klassischen Operette, dem Country und dem Pop allgemein geöffnet habe. Mir die Vielseitigkeit zu bewahren, war mir wichtig und kommt bei meinem Album "Melodie Maximal" hoffentlich zum Ausdruck.

 

MC: Ja das stimmt. Das merkt man. Es fängt sehr klassisch an, geht über zum Balkan und wird am Ende fast schon treibend elektronisch. Da ist ein Song drauf, der geht über eine halbe Stunde. Wie kam es dazu?

 

SN: Das Stück heißt ja auch Ü 30, also musste es über dreißig Minuten lang sein (lach). Die Bezugnahme zu John Cage, dem großen Komponisten zeitgenössischer Musik, ist voll beabsichtigt...

 

MC: Daneben spielt Nana Mouskouri eine große Rolle. Die erwähnst du in zwei Liedern. Warum gerade sie?

 

SN: Funny van Dannen stellte mir sein Lied „Nana Mouskouri“ zur Neuinterpretation zur Verfügung. Dafür bin ich sehr dankbar. Sie steht symbolisch dafür, dass wir alle, so cool, amerikanisiert und großstädtisch urban wir auch sein mögen, tief in uns den Schlager der 70er verehren. Jeder hat ein paar Songs aus der Zeit, die wir unter vorgehaltener Hand mögen. Aber wir geben es nicht zu. Und in dem Lied heißt es: Gib es zu, du warst im Nana Mouskouri Konzert... Das Wort „Schlager“ ist im Übrigen der Ursprung des Wortes „Hit“. Als in den 30er Jahren der jüdische Teil der Schlagerkomponisten nach USA auswandern musste, haben sie das Wort einfach ins Englische übersetzt. Wenn man den Schlager-Begriff heute erwähnt, dann denken alle gleich an Ballermann. Deshalb lass ich das. Für mich ist das so, wie wenn einmal auf einer schönen Südseeindel ein Atomtest stattfand und man da nicht mehr hin kann.

 

MC: Danke, dass du bei uns warst.

 

SN: Danke für die Einladung.

 

Die Fragen stellte Andre Nell

 

 

 

Hoffnung ist nur ein Mangel an Information

 

Gespräch mit Sascha Nikolic über schlechte Oper, guten Schlager & Superman-Kostüme

 

19.04.2013

 

StageCat: Wann bist du auf die Idee für deine Musik gekommen und wie kann man dich und deinen Stil am ehesten beschreiben?

 

Sascha Nikolic: Ich war vor ein einigen Jahren in Belgrad und im Taxi-Radio lief ein europäisch produzierter Sound zu orientalischen Beats. In den Texten ging es um Alltägliches. Ich wollte probieren, ob das auch auf deutsch funktioniert. So entstand der Hit „Oh Djamila“ mit der Superextraband. Stil? Schwierig einzugrenzen. Wenn das Wort Schlager nicht so negativ besetzt wäre und man nicht gleich an Micky Krause und Andrea Berg denken würde, sondern an Udo Jürgens und Caterina Valente, dann hätte ich mit diesem Begriff kein Problem.

 

SC: Wie bist du zur Musik gekommen?

 

SN: Ganz ehrlich, ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich, weil ich besser singen konnte als Fußball spielen.

 

SC: Kannst du uns deine Lieblingsoper verraten und warum gerade diese?

 

SN: Es gibt Opern die mir mehr bedeuten, weil ich darin gesungen habe, aber eine richtige Lieblingsoper habe ich nicht. Als "Orpheus in der Unterwelt" habe ich mich sehr wohl gefühlt. Eine Rolle, die ich bisher nicht gesungen habe, ist "Canio" im Bajazzo. Das ist gesanglicher Orgasmus.

 

SC: Was oder wer inspiriert dich?

 

SN: Alles, was in mir und meiner Umgebung passiert.

 

SC: Oper, Musical, Schlager, Ethno-Pop. Was machst du am liebsten?

 

SN: Es gibt schlechte Oper und guten Schlager. Mich interessiert, wie es gemacht ist. Wenn ich ein Vorbild nennen müsste, wäre Frank Zappa ein Kanditat. Der hat sich um Genregrenzen auch nicht geschert.

 

SC: Gibt es Leute, die das, was du machst kritisieren? Und wie gehst du damit um?

 

SN: Es gibt Leute, denen es nicht gefällt, was ich mache. Ist doch ok. Ich sehe mich keinem Gefälligkeitsdiktat unterworfen. Ich mache, was mir gefällt und lade jeden herzlich dazu ein. Ausserdem ist ein Urteil auch immer ein Urteil über den, der es trifft. Die berechtigte Kritik über das Wie-Ich-Es-Mache ist viel hilfreicher, als über das Was.

 

SC: Worauf bist du bei deinem neuen Album „Melodie Maximal“ besonders stolz?

 

SN: Auf das Ergebnis und die Tatsache, dass so ein Album in der Zeit der Castingshows überhaupt auf den Markt kommt. Eine besondere Herausforderung war das Ü 30 Lied, denn es sollte ein Schlager werden, der über dreißig Minuten lang ist. Das ist mir geglückt.

 

SC: Stecken eigene Erfahrungen in deinen Texten oder ist alles frei erfunden?

 

SN: Ich gehe mit der Wahrheit kreativ um...

 

SC: Du bist diesen Sommer im Klassik-Musical Sweeney Todd in der Rolle des ‚Pirelli’ zu sehen. Beschreibe uns doch einmal deine Rolle und was ist das Besondere daran?

 

SN: Stephen Sondheim ist einer der bedeutensten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts. Das Besondere ist, überhaupt diese tolle Musik singen zu dürfen. Die Rolle des Pirelli ist die eines Komödianten. Das liegt mir. Ich bringe Leute gern zum Lachen.

 

SC: Wolltest du schon immer auf die Bühne bzw. was wäre der Plan B für dein Leben gewesen?

 

SN: Ich liebe die Musik. Ich hatte mal einen Gesangslehrer, der mir einbläute, der schlechteste Plan A sei immer noch besser als beste Plan B. Das sehe ich inzwischen nicht mehr so. Ich könnte mir auch vorstellen, was ganz anderes zu machen. Juror in einer Castingshow zum Beispiel. (lacht)

 

SC: Was war das peinlichste Erlebnis deiner bisherigen Bühnenpräsenz?

 

SN: Ich hatte ein Superman Kostüm an und musste eine Stange runterrutschen. Währenddessen platzte der Zwickel. Die Kollegen und das Publikum sahen, was ich nicht sah, denn ich musste meine Arie konzentriert zu Ende singen. Erst in der Garderobe sah auch ich das Malheur.

 

SC: Und, wenn wir schon dabei sind. Was war das tollste Erlebnis auf der Bühne?

 

SN: Das ist eine sehr schwierige Frage. Es gibt so viele tolle Erlebnisse, da möchte ich keines besonders herausheben.

 

SC: Was ist der Unterschied zwischen ‚Nikolic on Stage’ und ‚Nikolic Privat’?

 

SN: Privat trage ich kein Superman Kostüm...

 

SC: Wo siehst du dich in 15 Jahren?

 

SN: Ich versuche im Hier und Jetzt zu sein. Das werd ich wohl auch in 15 Jahren so halten. Hauptsache das Herz lacht.

 

Interview: Jeannette Wistuba